Märchenstunde

Es waren einmal zwei Nachbarn. Eines Tages war der eine Nachbar knapp bei Kasse, denn er hatte sein gesamtes Monatseinkommen bereits für einen langen Urlaub, sein luxuriöses Auto, schöne neue Kleidung und Geschenke ausgegeben und ging häufig in noblen Restaurants essen. Da fragte er den anderen Nachbarn, der viel und hart arbeitete und sich seinen bescheidenen Wohlstand vom Munde absparte, ob er ihm nicht etwas Geld leihen könne, um über die Runden zu kommen. Der sparsame Nachbar willigte ein, aus Nächstenliebe und Mitleid, bestand aber darauf, das Geld im nächsten Monat zurückgezahlt zu bekommen.

Monat für Monat ging ins Land und immer und immer wieder hatte der erste Nachbar sein gesamtes Einkommen ausgegeben. Höflich fragte der Fleißige, wann er denn sein Geld zurückerhalten würde. Doch der Lebemann von nebenan wurde pampig und weigerte sich, auch nur einen Taler zurückzuzahlen. Schließlich meldete er Insolvenz an und der gutmütige Nachbar sah keinen Kreuzer seiner Leihgabe jemals wieder.

So ungefähr ist das Verhalten „der Griechen“ gegenüber ihren Gläubigern, insbesondere „uns“, wenn man dem Axel-Springer-Verlag und vielen anderen Medien glaubt.

Und nun zu einer völlig anderen Geschichte:

Es waren einmal zwei Nachbarn. Der eine verfügte über großzügige Ländereien, auf denen er Getreide und Gemüse anbaute. Der andere hatte lediglich ein kleines Stück Land, um seine Familie zu ernähren. Nach einem heißen und trockenen Sommer fiel die Ernte so mager aus, dass der Kleinbauer nicht genug zu Essen hatte, um seine Familie über den Winter zu bringen. Er klopfte an der Tür des benachbarten Großgrundbesitzers und bat ihn darum, ihm einen Teil seiner Ernte abzugeben. Dieser willigte sofort ein, unter der Bedingung, dass der Kleinbauer im kommenden Jahr mehr zurückgeben werde, als ihm dieses Jahr geliehen worden sei. Der Kleinbauer nahm das Angebot an, um nicht zu verhungern.

Der nächste Sommer kam und die Ernte des Kleinbauern war dieses Mal ausreichend, um seine Familie zu ernähren. Doch sein Nachbar kam und bestand darauf, den vereinbarten Teil der Ernte plus Zinsen zu erhalten. „Lieber Nachbar“, erwiderte der Kleinbauer, „dann bleibt mir und meiner Familie dieses Jahr noch weniger zu Essen als im letzten Winter, und du hast große Ländereien und Vorräte, die für viele Jahre reichen. Willst du mir meine Schuld nicht erlassen?“ Doch sein Nachbar verneinte. „Willst du mir im kommenden Winter Getreide geben, ohne dass ich dir ein Vielfaches davon zurückzahlen muss, sodass ich meine Schuld bei dir nach und nach begleichen kann?“, fragte der Kleinbauer dann. Doch sein Nachbar verneinte. „Willst du mir nicht einen Teil deines Landes abgeben, damit ich mehr Getreide anbauen kann und nicht mehr auf deine Hilfe angewiesen bin?“ Doch sein Nachbar verneinte.

Und so begab es sich, dass der Kleinbauer jahrein jahraus weniger seiner Ernte für sich und seine Familie behalten konnte und auch in guten Erntezeiten von der Gnade seines wohlhabenden Nachbarn abhängig war.

Dies entspricht in etwa dem, was mit Griechenland tatsächlich geschehen ist.

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